Eine präzise Proteinanalyse von Holzobjekten, Grabbeigaben und Wandmalereien aus dem Alten Ägypten hat die rätselhafte Glaubenswelt antiker Handwerker enthüllt, die bei der Farbherstellung zum Einsatz kam [1]. In einer Studie der Universität Kopenhagen und ihrer Kooperationspartner wurden 14 Objekte untersucht, die auf die Zeit zwischen 1425 v. Chr. und 400 n. Chr. datiert werden. Die Forschung beleuchtet die religiöse Dimension antiker Kunst, indem sie aufdeckte, dass neben tierischen Proteinen auch die Moringa-Pflanze, die mit Ptah, dem Schutzgott der Handwerker, assoziiert wird, als organisches Bindemittel zur Haftung der Farben auf Oberflächen verwendet wurde.
Die unsichtbaren Helden der Farbe: Bindemittel
Die Forscher nutzten fortschrittliche paläoproteomische Methoden zur Untersuchung der Farbzusammensetzung. Während die Farbpigmente in der altägyptischen Kunst bisher intensiv erforscht wurden, blieben die Kleb- und Bindestoffe, die die Farbe nutzbar machten, weitgehend unbeachtet. Die Analysen bestätigten, dass die alten Ägypter weit verbreitet Proteine von verschiedenen Säugetieren wie Rindern, Eseln, Pferden und Wildantilopen als Klebstoffe verwendeten. Die wirklich überraschende Entdeckung war jedoch das Vorkommen von Proteinen der Sesam- und Moringa-Pflanze in den Farbzubereitungen.
Hommage an Ptah, den Schutzgott der Handwerker
In der altägyptischen Mythologie galt der Moringa-Baum als eine der Manifestationen von Ptah, dem Gott der Handwerker und der Schöpfung. Professor Enrico Cappellini, einer der Leiter des Forschungsteams, äußerte sich sehr überrascht über die Anwesenheit von Moringa-Samenproteinen. Laut den Wissenschaftlern könnten antike Künstler Moringa bewusst ihren Farben als praktisches Bindemittel hinzugefügt haben, um ihre Handwerkskunst dem Gott Ptah zu widmen, Schutz zu suchen und ihre kreativen Ideen in greifbare Werke umzusetzen.
Die symbolische Kraft der Materialien
Die Aufladung von Materialien mit solchen religiösen und symbolischen Bedeutungen war im Alten Ägypten tatsächlich eine gängige Praxis. So sollten beispielsweise goldene Zungen, die in die Münder der Toten in hellenistischer und römischer Zeit gelegt wurden, dem Verstorbenen im Jenseits eine göttliche Sprechfähigkeit verleihen, da Gold als Fleisch der Götter galt [2]. Ähnlich waren Sternenkarten und Himmelsdarstellungen auf Sarkophagen nicht nur zur Zeitmessung gedacht, sondern sollten auch die Begegnung der Seele des Verstorbenen mit den Göttern am Himmel erleichtern [3]. Die Verwendung von Moringa in Farben zeigt somit die direkte Reflexion dieses tiefen Glaubenssystems in der künstlerischen Produktion.
Diese Studie unterstreicht einmal mehr die einzigartigen Möglichkeiten, die moderne wissenschaftliche Technologien Kunsthistorikern und Ägyptologen bieten. Anstatt sich ausschließlich auf schriftliche Texte oder visuelle Darstellungen zu verlassen, eröffnen die direkte Analyse chemischer Bestandteile neue Fenster in die Gedankenwelt und den Glauben von Handwerkern, die vor Tausenden von Jahren lebten.
Quellen und weiterführende Lektüre
- [1] What can science reveal about ancient Egyptian mysteries?
- [2] Egyptian tombs with golden tongue: 18 tombs dating back 2,000 years revealed 24 golden tongues inside the mouths of the dead — In 2026, archaeologists uncovered the bizarre purpose behind the ancient Egyptian ritual - The Economic Times
- [3] Stars and Time in Ancient Egypt | EES