„Kleiner Tempel“ bei Yalvaç als Hekate-Heiligtum identifiziert

Autor:

Auf dem Gemen Dağı bei Yalvaç wurde ein lange mit Demeter verbundener „Kleiner Tempel“ anhand neuer Grabungen und Altfunde als Hekate-Heiligtum gedeutet.

„Kleiner Tempel“ bei Yalvaç als Hekate-Heiligtum identifiziert
Bildnachweis: Gzt

Archäologische Tiefenanalyse

Die Ausgrabungen im auf 1.600 Metern Höhe gelegenen Heiligtum des Mondgottes Men auf dem Gipfel des Gemen Dağı bei Yalvaç in der Provinz Isparta haben zu einer Neubewertung des seit Langem als „Kleiner Tempel“ bekannten Bauwerks geführt. Das Gebäude, das in den Kampagnen von 1912–1913 freigelegt und über Jahrzehnte als Demeter-Tempel bezeichnet wurde, wird auf Grundlage jüngster Forschungen nun als Hekate-Tempel interpretiert.[1][2] Grabungsleiter Prof. Dr. Mehmet Özhanlı von der Süleyman-Demirel-Universität berichtet, dass dabei sowohl Hekate-Darstellungen auf Figürchen als auch Reliefs aus den alten sowie aus den aktuellen Grabungskampagnen eine zentrale Rolle spielen. Nach Medienberichten erinnert Özhanlı daran, dass Hekate in Hesiods Theogonie als Göttin karischer Herkunft aus Anatolien erwähnt wird und als dreigestaltige, dreiköpfige „triformis“-Figur beschrieben ist, die über Himmel, Erde und Meer herrscht. Die Mondsichel auf dem hohen Polos ihrer Kopfbedeckung verweise darauf, dass Hekate sowohl den Mond als auch über die „dunkle Seite des Mondes“ Tod und Jenseits symbolisiere, weshalb ihre Verbindung zum Men-Kult im Vergleich zu Demeter schlüssiger erscheine.[3][4] Der Tempel folgt, soweit aus den Berichten hervorgeht, einem klassischen antiken Grundschema. Auf den Pronaos als Eingangsbereich folgen der zentrale Naos und dahinter das Opisthodom. Im Naos ist der oktogonale Sockel, auf dem einst die Kultstatue der Göttin stand, in seiner ursprünglichen Position erhalten. Zugleich wird berichtet, dass sowohl der Men-Tempel als auch dieses Bauwerk im Prozess der Christianisierung des Areals bis auf Fundamentniveau abgetragen und stark zerstört wurden. Dennoch seien die Bauglieder auf dem Gelände verblieben, und das Grabungsteam verfolge das Ziel, den Bau zu einem späteren Zeitpunkt mit diesem Material zumindest teilweise wieder aufzurichten.[3][5] Özhanlı macht außerdem auf die von seinem Team parallel durchgeführten Grabungen in Pisidia Antiocheia aufmerksam, die in Zusammenhang mit dem Men-Heiligtum bei Yalvaç stehen. Zwei in Antiocheia freigelegte, geopferte Hundebestattungen deutet er im Kontext des Hekate-Kultes, zu dessen heiligen Tieren der Hund zählt und der in der Mythologie mit der Unterwelt und Kerberos verbunden ist. Nach Einschätzung der Forschenden werden diese Funde als indirekte archäologische Hinweise interpretiert, die auf eine Hekate-Verehrung auch außerhalb des Men-Heiligtums in der Region hindeuten könnten.[1][6]

Kritische Befunde

  • Der in den Jahren 1912–1913 im Men-Heiligtum auf dem Gemen Dağı ausgegrabene und als „Kleiner Tempel“ bekannte Bau wird in neuen Studien als Hekate-Tempel gedeutet.
  • Bei Grabungen und früheren Untersuchungen geborgene Hekate-Figürchen und Reliefs sowie die Verknüpfung des Bauwerks mit dem Men-Kult stützen die Deutung, dass der Tempel nicht Demeter, sondern Hekate geweiht war.
  • Die Abschnitte Pronaos, Naos und Opisthodom sind auf Fundamentniveau nachvollziehbar, der oktogonale Sockel der Kultstatue im Naos ist in situ erhalten.
  • Grabungsleiter Prof. Dr. Mehmet Özhanlı betont, dass der Bau bei Yalvaç nach der heutigen Einschätzung nach dem Heiligtum von Lagina bei Yatağan (Muğla) als zweiter nachgewiesener Hekate-Tempel in Anatolien gilt.

Historischer Kontext

Das Men-Heiligtum liegt im Landkreis Yalvaç (Provinz Isparta) auf dem Gipfel des rund 1.600 Meter hohen Gemen Dağı. In verschiedenen Berichten wird der Ort als ein dem Mondgott Men geweihter Kultplatz beschrieben, der seit den frühen Ausgrabungen des 20. Jahrhunderts sowohl im Hinblick auf den Men-Kult als auch auf seine Beziehungen zu den pisidischen Siedlungen der Umgebung erforscht wird.[1][2] Mit Blick auf Hekate-Heiligtümer galt lange Zeit das Heiligtum von Lagina nahe dem heutigen Landkreis Yatağan (Provinz Muğla) als zentrales Kultzentrum der Göttin in Anatolien. Die Deutung des Bauwerks bei Yalvaç als Hekate-Tempel schlägt nun einen zweiten Schwerpunkt für die Präsenz dieser Gottheit im anatolischen Binnenland vor. In den Berichten wird zudem erwähnt, dass Lagina bis heute von bestimmten Glaubensgruppen besucht wird, und es wird die Erwartung geäußert, dass auch der Tempel bei Yalvaç künftig in ähnlicher Weise Besucher anziehen könnte.[3][6]

Archäologen-Notiz

Die Neubewertung des „Kleinen Tempels“ im Men-Heiligtum, der nicht länger als Demeter-Tempel, sondern als Hekate-Heiligtum angesprochen wird, ist ein typisches Beispiel dafür, wie frühe Benennungen in der Archäologie sich im Laufe der Zeit ändern können. Die Deutung stützt sich auf Hekate-Figürchen und Reliefs sowie auf die mythologisch begründete Verbindung zwischen Men-Kult und Hekate über deren Mondbezug. Diese Elemente treten derzeit als die wichtigsten archäologischen und ikonographischen Indizien hervor, die die Hekate-Interpretation der Forschenden stützen.[1][7] Obwohl der Tempel in christlicher Zeit bis auf die Fundamente abgetragen wurde, sind die Bauglieder auf dem Areal verblieben. Dies macht sowohl die historischen Umnutzungen als auch die Möglichkeiten künftiger Konservierungs- und partieller Wiederaufrichtungsmaßnahmen deutlich. Allerdings wird betont, dass ein derartiges Anastylosis-Projekt unter Berücksichtigung internationaler Konservierungsprinzipien und auf der Grundlage detaillierter Dokumentation geplant werden müsste. Die mögliche Verbindung der zwei in Pisidia Antiocheia gefundenen geopferten Hundebestattungen mit dem Hekate-Kult wird in den Berichten als überzeugende Hypothese präsentiert, doch wird erwartet, dass diese Beziehung durch weitergehende Daten und vergleichende Studien untermauert werden sollte.

Quellen

Bild & Meldungsgrundlage: Gzt / gzt.com